Zu den Referent_innen und den Workshops
(wird laufend ergänzt)

Elfriede Müller (jour-fixe-initiative Berlin): Zum Dilemma sozialrevolutionärer Gewalt

Elfriede Müller, seit 1997 in der jour fixe initative berlin, seit Ende der Siebzigerjahre in der radikalen Linken aktiv. Seit 1994 Beauftragte für Kunst im Öffentlichen Raum, Berlin. Veröffentlichungen zur kritischen Theorie, Poststrukuralismus, dem Kriminalroman und Frankreich. Lebt in Berlin.

Revolution und Postkolonialismus (Ina Kerner, Berlin/Vanessa Thompson, Frankfurt)

Ina Kerner ist Juniorprofessorin für Diversity Politics an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuvor lehrte sie am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin, der New School for Social Research in New York und am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU Berlin. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen die Politische Theorie, die transdisziplinäre Geschlechterforschung, Fragen von Diversität und Intersektionalität sowie Postkoloniale Theorien. Wichtige Veröffentlichungen: Differenzen und Macht. Zur Anatomie von Rassismus und Sexismus (Campus 2009) sowie Feminismus, Entwicklungszusammenarbeit und Postkoloniale Kritik. Eine Analyse des Gender-and-Development Ansatzes (LIT 1999).

Die chinesische Revolution: gescheiterte Utopie oder fortwirkendes Potential? (Henning Böke, Frankfurt)

Im 20. Jahrhundert war die chinesische Revolution nach der russischen von 1917 die zweite große Revolution mit weltweiter Ausstrahlung. Das staatliche Resultat, die Volksrepublik China, existiert weiter, ihr Gewicht für die internationale Wirtschaft und Politik wächst. Die Kommunistische Partei Chinas hat sich allerdings von den radikalen Experimenten der Periode unter der Führung von Mao Zedong distanziert. Der Utopismus von einst, der in Befreiungsbewegungen der Dritten Welt und in der Neuen Linken des Westens starke Resonanz 
fand, ist einer pragmatischen Realpolitik gewichen, die desillusionierend erscheint. Der Anspruch, mit einer konsequenten Politik der Autarkie ein alternatives Entwicklungsmodell jenseits des imperialistisch dominierten Weltmarkts und einen qualitativ anderen Weg in die Moderne zu realisieren, wurde aufgegeben zugunsten einer Integration in den Weltmarkt unter autoritärer Führung. Ist die chinesische Revolution in diesem Sinne gescheitert, oder wirkt in ihr trotz der Anpassung an eine kapitalistische Entwicklungslogik ein emanzipatorisches Potenzial fort? Im Workshop sollen die Konfliktlinien in der Geschichte der chinesischen Revolution vorgestellt und diskutiert werden: Die Kernfragen betreffen das Spannungsfeld von technischer Rationalität und demokratischer Partizipation, kollektiver und individueller Emanzipation, kapitalistischer Modernisierungslogik und alternativen Gestaltungsmöglichkeiten in einem Entwicklungsland.

Spanien 1936: Bürgerkrieg und Revolution (Moritz und Jona, Frankfurt)

Als im Juli 1936 vier Generäle gegen die spanische Republik putschten, hatten sie nicht mit der anarcho-syndikalistisch dominierten ArbeiterInnenbewegung gerechnet. Diese machte den Staatsstreich – der sich in der Folge zum Bürgerkrieg ausweitete – nicht nur zunichte, sondern vollzog eine soziale Revolution, die das Leben vielerorts grundlegend umkrempelte. Wir wollen mit Euch diskutieren über diese Revolution, ihre Voraussetzungen, ihre Erfolge, Schwächen und schließlich ihr Scheitern.

Minimale Revolutionen. Bedingungen von Revolution jenseits von „großer Politik“ und „Mikropolitik“ (von Arendt bis heute) (Oliver Marchart, Wien/Luzern)

Oliver Marchart, SNF-Förderungsprofessor am Soziologischen Seminar der Universität Luzern. Jüngste Veröffentlichungen: Cultural Studies (UVK 2008), Hegemonie im Kunstfeld. Die documenta-Ausstellungen dX, D11, d12 und die Politik der Biennalisierung (König 2008), Post-foundational Political Thought. Political Difference in Nancy, Lefort, Badiou, Laclau (Edinburgh University Press 2007, erweiterte dt. Ausgabe: Die politische Differenz, Suhrkamp 2010).

Vorbereitungen für den kommenden Aufstand. Die Revolutionstheorie des Comité Invisible (Daniel Loick, Frankfurt)

Das Comité Invisible ist eine linksradikale Gruppe aus Frankreich, die in ihrem soeben ins Englische übersetzten Manifest „The Coming Insurrection“ (MIT Press) eine Revolutionstheorie entwickelt, die sich an Debord, Agamben, dem Graswurzelanarchismus und dem Anarchismus der Direkten Aktion orientiert. Einige spektakuläre öffentlichkeitswirksame Aktionen, die Fürsprachen prominenter Intellektueller sowie die Besprechung des Buches durch den rechtskonserverativen US-amerikanischen Talkshow-Host Glenn Beck haben dafür gesorgt, dass das Buch in kürzester Zeit extreme Bekanntheit erlangt hat. In dem Workshop sollen die zentralen Thesen vorgestellt und aus einer linken Perspektive kritisiert werden.

Marx mit Deleuze: Politik der Potentialität. Zur Kritik des Begriffs Potentialität in Poststrukturalismus, Postoperaismus und Linksheideggerianismus (Katja Diefenbach, Berlin)

In den letzten zwanzig Jahren wird zwischen poststrukturalistischen, postoperaistischen und linksheideggerianischen Autor/innen ein Streit um den Begriff des Vermögens geführt, der vor allem durch den Unterschied zwischen einer negativen Ontologie des Unvermögens und einer positiven Ontologie vermögenden Tuns geprägt ist.

Im Workshop möchte ich anhand von einigen Thesen von Agamben, Deleuze, Guattari, Negri und Virno drei unterschiedliche Begriffe des Vermögens und ihren jeweiligen politischen Einsatz diskutieren. Ausgangspunkt ist die häretische Marx-Lektüre postoperaistischer Autor/innen, die den Versuch unternehmen, Produktion, Sein und Politik in der Instanz des Vermögens miteinander zu identifizieren, wobei sie Politik anthropologisch und vitalistisch begründen. Diese Identifikation geht mit der Gleichsetzung von zwei Tätigkeitsbegriffen einher: von Marx‘ Begriff der lebendigen Arbeit und Spinozas Begriff des Vermögens, der in deleuzianischer Perspektive verstanden wird. Gleichzeitig werten postoperaistische Autor/innen Deleuze‘ Perspektive um, indem sie Potentialität subjektivieren, mit Arbeitskraft gleichsetzen und ihre ontologische und politische Dimension direkt miteinander kurzschließen. Die expliziteste Gegenposition zu dieser positiven Ontologie der Arbeitskraft findet sich in Agambens negativer Ontologie des Unvermögens, der als potentiell begreift, was nicht dem Primat der Wirklichkeit, des Werkes oder der Tat untersteht, sondern sein eigenes Unvermögen vermag und im Abgrund der Nichttätigkeit verharren kann.

Im Workshop möchte ich die Grenzen dieser drei Politiken der Potentialität verhandeln und die Punkte bestimmen, an denen sie in Aporien münden: in Negation (Negri, Virno), Automatisierung (Deleuze) oder Mythologisierung (Agamben) von Politik. Demgegenüber schlage ich vor, eine Politik zweiter Ordnung zu denken und einer Philosophierung von Politik genauso wie ihrer ontologischen oder anthropologischen Gründung in einem ersten Prinzip (und sei es ein negatives oder leeres) entgegenzutreten. Eine Politik zweiter Ordnung denken, heisst, Politik ausgehend von ihren Paradoxien zu begreifen. Eine Politik zweiter Ordnung stellt sich sowohl der Herausforderung, etwas Seltenes oder Unwahrscheinliches zu produzieren und zu organisieren, die Verbindung zwischen heterogenen Akten von Widerstand, als auch die Wirkungen dieser Akte zu problematisieren und zu politisieren. Sie politisiert die traurigen und gefährlichen Effekte, die Politik hervorbringt: Missionierung, Identifizierung, Bürokratisierung oder Militarisierung. Sie politisiert die Selbstwidersprüche und Mehrwertigkeiten von Politik.

Katja Diefenbach, Theoretikerin, Berlin
Advising Researcher, Jan van Eyck Academie, Maastricht, Forschungsprojekt zum Begriff des Politischen im Postmarxismus
Theoretischer Schwerpunkt: das Verhältnis von Marxismus und Poststrukturalismus
www.after1968.org

Verortungen – Radikalität versus Extremismus (Heide Hammer, Wien)

Heide Hammer, Philosophin und Sozialwissenschafterin, assoziiert u.a. mit gruppe mañana, episteme. Kooerative für Forschung und Intervention, neigungsgruppe_donauschwimmen, Context XXI.

Revolution als Spektakel – Kritik der Situationist_innen:
blind spots & gender-Reproduktion (Tagediebin und Zwi, Autor_innenkollektiv bbzn, Hamburg/Frankfurt)

Wenn Revolution heute laengst zum werbewirksamen popkulturellen Bild erstarrt ist, lässt sie sich dann mittels des von den Situationist_innen entwickelten Spektakelbegriffs kritisieren?
Bleibt ein herauszusprengender Rest ihres einstigen radikalen
Gehalts uebrig, oder muss sie ganz verworfen werden? Die
situationistische Kritik soll nicht nur Werkzeugkasten sondern
selbst Gegenstand dieses kleinen Revo_rkshop sein. Wie musste
sich, unter anderen blind spots in der S.I., die Ausblendung von Reproduktions- und Geschlechterverhaeltnis auf die Entwicklung der situationistischen Revolutionstheorie auswirken? Kann die situationistische Macht- und Sprachkritik gegen ihre eigenen Verdraengungen eingesetzt werden? Und schließlich: Laesst sich eine Diskussion zu diesen Fragen im universitaeren Rahmen und gefoerdert durch die ideologischen Staatsapparate ueberhaupt als konsequente Kritik der politischen Okonomie radikalisieren, ohne dass die staatlich eingebundene Sprechposition apriori die bestimmte Negation des falschen, spektakulaeren Ganzen verstellt? On verra.

Subjekt-Bildung-Revolution (Hanni Hausschuh und Katha Rhein,
Frankfurt)

Das Fehlen eines Revolutionären Subjekts ist keine neue Feststellung [mehr]. Trotzdem fällt es schwer sich eine Revolution vorzustellen, die nicht von Subjekten gemacht würde. Bei Betrachtung der Subjekte jedoch, die zwischen Bierzelten, Brandenburger Toren, Bundesligaspielen und Bielefeld herumstehen, wird die Hoffnung auf eine Revolution in den oder durch die deutschen Zustände beachtlich schnell zerschlagen. Allerdings sollte ja auch ernst genommen werden, dass die Neue Gesellschaft eben aus dem Schoß der alten, das heißt dieser hier, entsteht. Was demnach Not tun würde, wäre eine Idee, wie es möglich sein könnte von den deutschen Zuständen zu Subjekten zu kommen, mit denen eine Revolution zu machen eine helle Freude wäre. Die Frage ist demnach wie die Subjek-te zu bilden wären. Wie werden sie jetzt gebildet? Wie bilden sie sich und wir uns? Was für ein Bild machen wir uns? Und wie könnte Bildung für ein besseres Bild oder wenigstens schönere Aussichten sorgen? Wenn Bildung kein Klassenkampf mehr ist, aber Emanzipation auch nicht vom Himmel fällt, welche Wirkungen auf Subjekte und die Revolution könnte sie dann haben?

Bini Adamczak: Russische Revolution – revisited.

bini adamczak ist das unstete bündnis zänkischer gespenster (bspw. dekonstruktivistischer feminismen und orthodoxer wertkritik), unerwünschter erbschaften und nächtlicher reproduktionsläufe. in manischen momenten tourt die autorin von »kommunismus. kleine geschichte wie endlich alles anders wird« (2004) und »gestern morgen. über die einsamkeit kommunistischer gespenster und die rekonstruktion der zukunft« (2007) mit dem performancekollektiv andcompany&co (little red play (herstory) 2006, timerepublic 2007) im roten timeshuttle durch wenigstens europa.

Dusty Blinds (Powerpop / Indie, Amsterdam) + Pony Pac (Punkpop, Amsterdam) (organisiert von Ladyfest_ffm)

http://www.myspace.com/ponypack

http://www.myspace.com/dustyblinds

Konfusionen um den subjektiven Faktor. Antirevisionismus. (Thomas Seibert, Interventionistische Linke, Frankfurt)

Bis in die 1980er Jahre kreisten philosophische, wissenschaftliche, politische und ethische (d.h. immer auch: ideologische) Debatten weltweit um den „Tod des Subjekts“. Sie schlugen einen Bogen, der vom „Tod Gottes“ bis zum „Ende der Geschichte“ führte, turning point war auch hier das Jahr 1989. Als sich der Rauch verzog, verzogen sich auch die Kontrahent/innen, jede in ihre Ecke, einige ins Aus.
Die Konfusion, die übrig blieb, wäre an sich kein Drama gewesen, im Gegenteil: man hätte neu beginnen können, unter immerhin veränderten Bedingungen. Das blieb aus, weil die strittige Frage von anderswo beantwortet wurde. Diese Antwort schuf nicht neue Konfusion, sondern vertiefte den verallgemeinerten „Konfusionismus“, Debord zufolge „höchstes Stadium bürgerlichen Denkens“, heute der Bulldozer liberaler Herrschaft. Danach ist die historische Lage einerseits und vor allem „komplex“ (d.h. nicht eindeutig zu bestimmen und also kaum zu ändern), gewährt andererseits aber einen „Rest“ an Gewissheit für alle und jeden. Der liegt nirgendwo anders als (ja, ja) im Subjekt. Das aber ist jetzt einerseits „ganz konkret“ als „Mensch“ zu verstehen, andererseits als die je eigene Person (ich, ich, ich). Das passt wunderbar, entschieden besser als die Post-68er „Politik der ersten Person“, in die postfordistisch-biopolitische Mobilisierung des subjektiven Faktors und verbindet sich zwanglos mit dem imperialen Krieg, der das Rest-Allgemeine, den Menschenrechts-Menschen, zu retten verspricht.
Nennt man das in etwas verstaubter, doch nach wie vor treffender Sprache „Revisionismus“ (diesmal mit Bezug auf 1968ff.), stellt sich denen, die da nicht mitwollen/können, die Frage, was heute „Antirevisionismus“ wäre. Dessen Einsatz ist, so die zur Diskussion gestellte These, nirgends anders als in den Debatten um den „Tod des Subjekts“ zu suchen. Keine Angst, dabei geht es nicht um das ganze Angebot, sondern um eine bestimmte Auswahl: die antirevisionistische eben. Deren Ausgangspunkt ist die Erfahrung, dass der „Tod des Subjekts“ nicht die Löschung, sondern eine Freisetzung und Herausforderung des subjektiven Faktors ist. Woraus u.a. zu folgern wäre, dass dann auch Geschichte längst nicht zuende ist.

Material der Debatte sind Begriffe, z.B. Arbeit/Leben/Sprache, Subjekt, subjektiver Faktor, Subjektivierung(en), Primat der Möglichkeit, der Kämpfe und der Widerstände, Proletarisierung der Gesellschaft/De-sozialisierung der Individuen/Biopolitisierung des Seins, Nihilismus, wirkliche kommunistische Bewegung, Generation von Multituden/von Singularitäten, Existenzästhetik und Militanz. Und, natürlich: Revisionismus/Antirevisionismus. Den Leitfaden liefert ein chinesischer Marschall aus kulturrevolutionärer Zeit: „Mach Dich selber zur Zielscheibe der Revolution.“ (Lin Biao) Den Rahmen stecken einerseits die Philosophie, andererseits der politische Aktivismus ab.

Thomas Seibert, Philosoph, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Rosa Luxemburg Stiftung, Aktivist der interventionistischen Linken (iL) und bei attac. Gerade erschienen:
Krise und Ereignis. Siebenundzwanzig Thesen zum Kommunismus, VSA-Verlag Hamburg. Als Vorübung zum Workshop im Band zum Indeterminate! Kommunismus-Kongress 2003 der Beitrag Subjektives ohne Subjekt. Politische Philosophie in der Postmoderne, Münster 2005, 150 – 160.

FAU Frankfurt/M: Von Tageskämpfen zur Organisation der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion nach einer Revolution : „Die soziale Revolution ist keine Parteiensache“

Einer der frühen Versuche der Arbeiterbewegung, sich über Landesgrenzen hinaus zur organisieren und gemeinsam für revolutionäre Veränderungen einzutreten, war die Gründung der 1. Internationale 1864 in London. Aber bereits in dieser „Internationalen Arbeiter Assoziation“ prallten die unterschiedlichen Konzepte aufeinander und führten nach wenigen Jahren zu ihrer Spaltung und dem Niedergang. Die unterschiedlichen Positionen, die hinter der Spaltung standen wirken bis heute: Zentralismus oder Föderalismus, Avantgarde oder Emanzipation von Führungsprinzipien, Parlamentarismus oder direkte Aktion durch revolutionäre Gewerkschaften als Mittel für gesellschaftliche Veränderungen, Produktionsmittel im Besitz des Staates oder in Selbstverwaltung der ArbeiterInnen. Einigkeit gibt es zwar bei dem Ziel, die Herrschaft von Menschen über Menschen und den privaten Besitz an Produktionsmitteln zu beseitigen, wie dieses Ziel erreicht werden kann, ist aber weiterhin Gegenstand heftiger Debatten.
Wir wollen in diesem Workshop einige soziale Bewegungen beschreiben und den Fragen nachgehen, welche Rolle historische soziale Bewegungen und vergangene Revolutionen in der Theoriebildung und politischen Praxis heute spielen und was die Lehren aus der Geschichte sind, die wir ziehen können. Wie muss eine Revolution sein, damit sie „unsere“ ist und wie darf sie nicht sein? Vertiefen wollen wir das Thema der Organisation beim Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, mit dem Ziel der Übernahme der Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen, in Selbstverwaltung der Arbeiter und Arbeiterinnen. Hierzu gibt es aktuelle und historische Konzepte, die sehr detailliert die Organisation der Gesellschaft ohne Staat beschreiben und die, zumindest zeitweilig, mit millionenfacher Beteiligung ihre Praktikabilität in der Praxis gezeigt haben. Gerade die Kollektivierungen während der spanischen Revolution 1936, in Aragon, der Levante und in den Industriezentren Kataloniens haben in dieser Beziehung Meilensteine in der Menschheitsgeschichte gesetzt, die durch den Sieg der Faschisten und ihren Machterhalt bis 1975 aber in Vergessenheit geraten sind.

Wir können mehrere Filme zu diesem Themenkomplex anbieten, aktuelle und historische Texte zur Vertiefung haben wir vorbereitet.

“You’reborn naked … everything else is …?” – Drag – queer-feministische Widerstandsform oder stille Revolution durch Lautsprecher?

Seit der Gründung der ersten deutschen Drag King Gruppe Kingz of Berlin und der ersten „All-girl Boygroup“ Pussycoxx in Berlin im Jahr 2000 hat sich eine in Europa einzigartige queere und politisierte Drag (King) Subkultur entwickelt. In den darauf folgenden Jahren haben sich viele trans-inklusive Politikinitiativen und Gruppen gegründet und v.a. Drag (King) Künstler_innen haben durch ihre feministisch motivierten Performances dazu beigetragen, sichere Räume und ein insgesamt positiveres Klima für Geschlechtergrenzgänger_innen zu schaffen. Dieser Vortrag gibt einen kurzen Überblick über die Geschichte der Berliner Drag (King) Performer_innen in Berlin und darauf basierend auch über die Anfänge einer sich fortlaufend diversifizierenden feministischen Queer-Trans-Bewegung, die Allianzen mit anderen linken, anti-sexistischen, anti-rassistischen, anti-kapitalistischen Gruppen eingeht, sich mit jenen überschneidet oder streitet.
Im Anschluss an den Vortrag wird der Kurzfilm „Size King“ in Anwesendheit des Filmemachers Kai Egener gezeigt. Mit sensiblen Einblicken in das Privat- und Bühnenleben des Montréaler Drag Kings Mitch Mitcham endet die Reise durch Berliner Hinterzimmer für Backstreet Transboys und führt ins Montréaler Zwielicht der Geschlechterverwirrung, wo Kunst durch Drag und „Community Building“ persönlich politisch wird. Beide Vortragenden fragen: Widerstehen sie noch oder revolutionieren sie schon?

Kai Egener arbeitet derzeit als US-kanadischer freier Filmschaffender in Berlin. Er hat 2009 seinen Abschluss im Studiengang „Filmproduktion“ an der Mel Hoppenheim School of Cinema, Concordia Universität, Montreal erhalten. Im Laufe seines Studiums absolvierte er auch ein vom DAAD gefördertes einjähriges Auslandsstudium an der Universität der Künste in Berlin. Er wurde vom National Film Board Canada ins DocShop Programm aufgenommen und erhielt den „J. Terrance Brennan and Kevin T. Thornhill“ Preis für sein studentisches schwul-lesbisches Filmschaffen. Er interessiert sich für Menschen und deren innere Umwälzungen in sozialen Kontexten.

Arn Sauer verfügt über einen M.A. Abschluss der Humboldt-Universität zu Berlin in Geschichtswissenschaften und Politologie, sowie über ein Zertifikat für Frauen- und Geschlechterstudien der Technischen Universität Berlin. Im Augenblick promoviert er unter Betreuung von Prof. Dr. Susanne Baer am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt Universität und ist Research Associate des Simone de Beauvoir Instituts der Concordia Universität in Montreal. Er hat zuletzt die Studie „Regenbogen-Philanthropie! Deutsche Unterstützung für die lesbisch-schwule, bi-, trans- und intersexuelle (LSBTI) Menschenrechtsarbeit im globalen Süden und Osten“ verfasst und bewegt sich insgesamt gern zwischen unterschiedlichen Welten: Kanada-Deutschland, Mann-Frau, Wissenschaft-Praxis, Bühne-Alltag.

Hölle Hamburg (unter Anwesenheit des Regisseurs Ted Gaier, Einführung und Moderation: Holger Priedemuth, Ursula Schmidt, Frankfurt)

Im Hamburger Hafen ist ein Schiff von seinen Eignern verlassen worden. Die
Mannschaft ruft die Geisterkader der Komintern zur Hilfe, die vom
Bewusstsein einer Dokumentarfilmerin Besitz ergreifen. Das Agitprop betritt
wieder die Bühne, und in den Jahren seiner Abwesenheit ist es wild geworden.

Spielfilm, 88 min. von Peter Ott und Ted Gaier.
 88min.
Kamera: Deborah Schamoni

Ted Gaier, Mitbegründer der Goldenen Zitronen seit 1984 als Instrumentalist, Komponist und Texter. Seit 1986 diverse Plattenveröffentlichungen, auch mit anderen Projekten wie z.B. Les Robespierres (seit 1994) u. Schwabinggrad Ballett (seit 1999). Insgesamt 16 Alben. Seit 1984 Touren vorwiegend im deutschsprachigen Raum, sowie in Europa und den USA.
Seit ´98 aktiv in Theaterzusammenhängen als Darsteller, Musiker und in konzeptioneller Funktion. Mitglied der freien Theatergruppe 400 asa/ Zürich und in anderen freien Gruppen in Hamburg, Berlin und Bern aktiv. Gelegentlich an Stadttheatern (Hamburg, Hannover). Weitere Professionen: Regisseur für Video-Clips (u.a. von Spar, Sterne, Goldene Zitronen, FSK ) und den ersten Spielfilm Spielfilm (Hölle Hamburg, gemeinsam mit Peter Ott, 2007. Musikproduzent (z.B. Chicks on Speed, FSK), Autor (u.a. für: Spex, WOZ, Junge Welt, die Zeit), Drehbuchautor, Regieassistenz, Skript-Girl und graphische Gestaltung u.a. bei sämtlichen Goldene Zitronen Alben. Politaktionistisch im Buttclub organisiert.
Geb. 24.7.1964, aufgewachsen in Stuttgart, München und Ulm. Seit 1983 vor allem in Hamburg, zeitweise in Prag, München und Berlin ansässig.
Projekte der letzten Zeit: Aktuelles Album der Goldenen Zitronen. Die Entstehung der Nacht. LP / CD / Digital Release Buback Tonträger Oktober 2009. Musiker, Texter, Komponist, Produzent.
Inszenierung: Der Sumpf. Europa Stunde Null. Theaterstück der Gruppe 400 asa nord in Zusammenarbeit mit den Sophiensälen Berlin. Autor, Darsteller, Musiker.